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18.04.2022
Bio Marché 2022 im Juni in Zofingen

Der Bio Marché ist das führende Schweizer Biofest und eine einmalige Mischung aus Markt, Festival und nationaler Bio-Plattform. Vom 17. bis 19. Juni 2022 in der Altstadt von Zofingen.
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KOMMENTAR: Bio allein kann die Welt nicht ernähren

Urs Niggli, langjähriger Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FibL und jetzt Präsident des Instituts für Agrarökologie ist überzeugt, dass die ganze Welt nachhaltig ernährt werden kann. Aber eine Superlösung gibt es nicht, weder Bio, noch Veganismus. Ein Umdenken fordert er bei neuen Züchtungsmethoden.

Urs Niggli ist sich sicher: Die Landwirtschaft kann die ganze Welt nachhaltig ernähren. «Wenn man schaut, wie die Weltbevölkerung wächst, können wir global keine Extensivierungsstrategie fahren», so Niggli an einem Referat an der DV des Solothurner Bauernverbandes. Denn selbst wenn die Produktivität wächst wie bisher gibt es bis 2050 einen Food Gap von 50 Prozent, zu wenige Kalorien werden produziert. «Die Kunst wird sein, mehr Produktivität zu erreichen und gleichzeitig umweltfreundlicher zu produzieren», meint Niggli.

Nachhaltig produzieren, also alles auf Bio? Die Superlösung gebe es nicht, sagt Niggli. «Biolandbau kann die Welt nicht ernähren.» Derzeit sei der Bio-Anteil weltweit bei marginalen 2 Prozent und das EU-Ziel von 25 Prozent bis 2029 hält er für kaum realistisch. Bio-Landbau habe klare ökologische Vorteile und es sei wichtig, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert werden. Aber für Niggli gibt es einen grossen Zielkonflikt zwischen Bio und der globalen Ernährung.

Und das deshalb: An eher ertragsschwachen Standorten ist Bio ertragsmässig auf dem Niveau des konventionellen Landbaus oder sogar stärker. «Wo keine guten Voraussetzungen für Produktivität herrschen, ist Bio eine gute Alternative», erklärt es der Agrarwissenschaftler. Ist aber der Standort ertragsstark, steigt der Ertragsunterschied zugunsten der konventionellen Produktion deutlich an. An guten Standorten in Norddeutschland liege der Unterschied bei rund 50 Prozent, in der Schweiz bei 20 bis 25 Prozent. «Diesen Zielkonflikt können wir nicht schönreden. Bio hat Vorteile, aber auch Schwächen.»

Rein vegan? Unmöglich

Wenn Bio nicht die Superlösung sein kann, dann rein pflanzliche Ernährung, um kein Futter mehr für Tiere herstellen zu müssen? Aus pflanzlichen Produkten können man schon perfekte Burger herstellen, die richtig nach verbranntem Blut schmeckten, so Niggli. Grund dafür sind genmodifizierte Sojawurzeln mit Hämoglobin. «Aber auch dieser Burger verbraucht Ackerland, ist also keine wirkliche Alternative», so Niggli. «Wir haben global rund 50 Prozent obligates Grasland. Wenn wir das aus der Produktion rausnehmen, können wir die Menschheit nicht ernähren.» Das gäbe riesige Probleme, auch könnten Getreidenebenprodukte nicht mehr genutzt werden. Man müsse dafür schauen, dass man diese über Tiere veredeln könne.

Ein grosses Thema sind Novel Foods wie Insekten oder künstliches Fleisch. Bei den Insekten ist laut Niggli entscheidend, wie man diese füttert. «Gibt man ihnen Getreide, sind Insekten auch nichts anderes als Schweine.» Nur wenn man sie mit Lebensmittelabfällen füttere, ergebe das Sinn. Und da existieren derzeit noch rechtliche Hürden. Als zukunftsträchtig erachtet Niggli zellbasiertes, also künstlich hergestelltes Fleisch. Aktuell sei das teuer, werde künftig aber eine echte Alternative. Als besonders spannend sieht Niggli Algen an. Wenn man die Fläche von Portugal aufs Meer ausklappe, könnte man damit die ganze Welt ernähren und gleichzeitig das Wasser säubern.

Entwicklungen hin zu neuen Lebensmitteln sind als wichtig. Enorm bedeutend ist für Niggli auch, dass auf Zucht gesetzt wird. «Wir müssen mehr Geld in Pflanzenzucht investieren», stellt er klar. Es gebe aktuell «gewisse Fantasien» zu natürlicher Züchtung. «Wir züchteten hunderte Jahre lang und die modernen Sorten haben nichts mit der Natur zu tun», kritisiert er diesen Ansatz. «Den Sprung von modernen Sorten zu modernen Gentech-Sorten sieht man gar nicht. Ganz anders als von der Wildsorte zur modernen Sorte.»

Es sei paradox, das gigantische Potenzial von CRISPR/Cas – der Genschere – nicht zu nutzen und gleichzeitig zu verlangen, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Immerhin stelle er fest, dass sich die Diskussionskultur darüber verbessert habe. Früher sei er für solche Aussagen von der Bioszene exkommuniziert worden. Moderne Technik fordert er auch bei den Maschinen: Smart Farming sei eine riesige Chance. Mit präziser Landwirtschaft könnten 50 bis 90 Prozent der Pflanzenschutzmittel eingespart werden.

«Die wichtigste Lösung heisst Suffizienz», sagt Niggli. Effizienz allein bringe nichts. «Wir müssen uns beschränken, Food Waste und Fleischkonsum halbieren.» Dass der Konsum reine mit Information der Konsumenten in diese Richtung gelenkt werden kann, daran glaubt Niggli nicht mehr. Er setzt auf Incentives und allenfalls gesetzlichen Hebeln. Mehr pflanzliche Proteine, weniger Fleisch und Food Waste, Wiederkäuer mit hohen Raufutteranteil und Nutzung der Nebenprodukte von Ackerbau und Spezialkulturen: «Mit solchen Szenarien kann man alle Menschen ernähren und das nachhaltig.» (LID)
(gb)

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