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KOMMENTAR: Nachhaltigen Lebensmittelkonsum vereinfachen

Wie der europäische Lebensmittelkonsum gesünder und nachhaltiger werden kann, haben Wissenschaftler:innen aus ganz Europa in einer Arbeitsgruppe für die Europäische Kommission zusammengefasst. Jutta Roosen, Professorin für Marketing und Konsumforschung an der Technischen Universität München (TUM), hat an diesem Report mitgewirkt. Die Ergebnisse sollen die EU-Kommissare bei der Überarbeitung der Farm to fork-Strategie unterstützen. Prof. Jutta Roosen spricht im Interview über Kennzeichnung, Werbung an Kinder sowie weitere mögliche Wege zu nachhaltigerem und gesünderem Lebensmittelkonsum:

Lebensmittel einzukaufen ist eine sehr einfache Kaufentscheidung. Wir setzen uns damit nicht lange auseinander und tätigen häufig Gewohnheitskäufe. In unserer Überblicksarbeit für die EU-Kommission haben wir festgestellt, dass es viele Elemente in der näheren Verbraucherumwelt gibt, die die Lebensmittelauswahl mit beeinflussen, wie zum Beispiel die Preise, das Angebot oder in welchem sozialen Kontext man steht. Vor allen Dingen muss man versuchen, in dieser Umwelt Anreize zu schaffen, damit gesündere und nachhaltigere Produkte ausgewählt werden.

Die Einstellungen zu nachhaltigen Lebensmitteln aus den Umfragen widerspiegeln sich häufig nicht im Kaufverhalten. Man spricht von der Einstellungs-Verhaltens-Lücke, also, dass Konsumenten nachhaltigen Produkten grundsätzlich sehr positiv gegenüberstehen, dies aber bei der Kaufentscheidung nicht umsetzen. Dafür gibt es viele Faktoren, die Zahlungsbereitschaft, aber auch, dass es gar nicht die Auswahl gibt. Bei Tierwohlprodukten haben wir zum Beispiel festgestellt, dass die Erhöhung der Anzahl an Tierwohlprodukten es wahrscheinlicher macht, dass Kunden Produkte mit höheren Standards auswählen.

Was muss passieren, damit nachhaltige und gesunde Ernährung gefördert wird? Der Ansatz unserer Expertengruppe ist es, das gesamte Lebensmittelsystem ins Auge zu fassen. Politikmassnahmen müssen aufeinander abgestimmt werden. Es muss sichergestellt werden, dass nicht einerseits Massnahmen nachhaltige Ernährung fördern sollen, aber gegenläufige Produktionsmethoden subventioniert werden.

Die Verantwortung darf nicht allein den Verbraucher:innen übergeben werden. Die Politik muss diese unterstützen, um ihre Ernährungssicherheit und finanzielle Möglichkeiten sicherzustellen, damit sie sich solche Produkte leisten können. Zudem muss die ganze Ernährungsumwelt darauf ausgerichtet sein, nachhaltigen Konsum einfach zu machen.

Die Konsument:innen müssen dabei unterstützt werden, ihren Einstellungen beim Einkauf Ausdruck zu verleihen. Dafür müssen Gesetze europaweit aufeinander abgestimmt sein. Bei Initiativen der Mitgliedsländer kann die Europäische Union Kohärenz herstellen und für gemeinsame Standards werben. Beispielsweise könnte es Empfehlungen in Bezug auf an Kinder gerichtete Werbung geben . Dann muss nicht jedes Land seine eigenen Standards entwickeln.

Bei der Farm to Fork-Strategie, einer agrarpolitischen Massnahme, die helfen soll, das EU-Lebensmittelsystem nachhaltiger zu gestalten, gibt es verschiedene Ziele. So sind die Verminderung der Lebensmittelabfälle und die Ausdehnung der Bio-Landwirtschaft als Zielsetzung verankert. Um dies zu erreichen, muss Nachfrage erzeugt werden. Die vereinfachte Nährwertkennzeichnung auf der Verpackung kann dazu beitragen, indem sie auf den Bereich Nachhaltigkeit ausgedehnt wird. Für Konsument:innen wird dadurch beim Kauf im Einzelhandel der Produktionsprozess transparenter.

Die Abstimmung von Massnahmen aufeinander und umfassende Politikpakete zu schnüren sind in meinen Augen die wesentlichen Ansatzpunkte. Für eine Veränderung des Verhaltens ist es wichtig, die verschiedenen Massnahmen aufeinander abzustimmen und mehrere Ansatzpunkte zu wählen. Nicht nur die Kennzeichnung, sondern ebenso die Auswahlmöglichkeiten in einem Standard-Supermarkt müssen diskutiert werden. Kann man beispielsweise festlegen, dass ein gewisser Anteil an Produkten festgelegten Kriterien folgen muss?

Wie wir mit den neuen Medien umgehen ist ein weiteres Thema. Wenn wir zum Beispiel an Kinder gerichtete Werbung verbieten oder einschränken, können wir kaum verhindern, dass Kinder trotzdem die Werbung auf Instagram oder TikTok sehen. Wir haben hier heute deutlich weniger Eingriffsmöglichkeiten als bei der klassischen TV-Werbung im Kinderkanal. (Technische Universität München)
(gb)

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