Foodfachzeitung im Internet
Admin aufrufen
Mittwoch, 17. Juli 2024
Tipp
24.06.2024
KI-Einsatz in der Metzgerei

Effizient, zuverlässig, lernfähig: Chancen künstlicher Intelligenz sind Thema bei der Metzgereimesse SÜFFA 28.-30.9.2024
News, Tipps, …
Druckansicht 12.04.2023
KOMMENTAR: Keine Süsswarenwerbung für Kinder reicht nicht

Deutschland hat einen Gesetzesentwurf für mehr Kinderschutz in der Werbung vorgestellt. Geplant ist, die an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung einzuschränken, weil sie zum Konsum von Süssigkeiten und Snacks verführt, die zu viel Zucker, Fett oder Salz enthalten und hochverarbeitet sind. Prof. Dr. Lotte Rose, Essens- und Körperforscherin an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), geht dies nicht weit genug. In ihrem Statement bezeichnet sie die Pläne des Ministeriums als einen mutigen Schritt, dem weitere folgen müssten. Nicht die Werbung allein sei das Problem, sondern die Lebensmittelindustrie.

Der Protest gegen das Gesetzesvorhaben erfolge aus rein marktwirtschaftlichen Interessen, so die Wissenschaftlerin. „Dass die entsprechenden Lobbygruppen aufschreien, geschenkt! Spannend ist jedoch, welche komplizierten Schachzüge der Minister machen muss, um seinen Zugriff aufs Marketing legitim vorbringen zu können“, so die Professorin für Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit. „Mit der Gesundheit unserer Kinder bringt er einen Wert in Anschlag, der erhebliches Gewicht hat und nicht so leicht vom Tisch zu wischen ist. Dass es Kindern in unserer Gesellschaft gut gehen soll, ist breiter ethischer Konsens. Konsens ist ebenso, dass die Kindergesundheit durch die Lebensmittelindustrie dramatisch gefährdet sein soll.

Auch der Gesetzesvorstoss nutzt dieses verbreitete Horror-Narrativ der kranken und verfetteten Kindergeneration, um die Dringlichkeit dieser Massnahme einsichtig zu machen. Ob Kinder heute tatsächlich gesundheitlich so viel gefährdeter sind als früher, lässt sich durchaus kritisch hinterfragen. Entscheidend ist letztlich, dass der staatliche ‚David‘ wohl dieses dramatisierende Narrativ als eine symbolische ‚Bazooka‘ braucht, um den Goliath des Marktes in seine Schranken weisen zu können.“

Die aufgeheizte Diskussion um das Werbeverbot lasse das grundsätzliche Problem ausser Acht. „Ob die Kinderernährung gesünder wird, wenn Kinder weniger der Werbung für ungesunde Nahrungsprodukte ausgesetzt sind, darf bezweifelt werden. Denn es gibt sie ja weiter, all die schädlichen Nahrungsprodukte. Sie stehen in den Regalen der Läden, sie stehen im Schulkiosk und den Vorratsschränken der Familien und Grosseltern. Sie ‚winken‘ aufdringlich mit ihren faszinierenden Verpackungen, und sie schmecken einfach unwiderstehlich gut“, so Rose.

„Daher sind die angekündigten Werbebeschränkungen allein ein zahnloser Tiger. Sie sorgen für weniger Verführungen, aber nicht dafür, dass die schädlichen Nahrungsprodukte aus den Kinderwelten verschwinden.“ Genau das müsse aber das Ziel sein. „Alkohol und Zigaretten sind für Kinder verboten. Das verhindert nicht, dass Kinder Alkohol trinken und rauchen. Es erschwert aber den Zugang erheblich, wie es auch sehr viel deutlicher markiert, dass unsere Gesellschaft es ernst meint mit dem Gesundheitsschutz für Kinder.“

Die Debatte um gesunde Ernährung sollte sich laut Rose nicht beschränken auf Menschen unter 14 Jahren. „Warum sollen die schädlichen Nahrungsprodukte nur für Kinder so schädlich sein? Warum kapriziert sich das Werbeverbot so sehr auf Kinder, wo doch Erwachsene bekanntlich kaum anders essen als Kinder? Glauben wir tatsächlich, dass diese Nahrungsprodukte Erwachsenen nichts anhaben können?"

Roses Fazit: „Es wäre natürlich das Beste für Kinder und Erwachsene, wenn unsere Ernährung anders aussähe, als sie ist. Aber wir leben in keiner Diktatur, die ihrer Bevölkerung das Essen vorschreiben kann, sondern in einer Demokratie, in der Interessen verhandelt werden müssen. Wir wissen, dass hierbei die Interessen des Marktes sehr mächtig sind. Dass das Bundesgesundheitsministerium sich nun mit diesen dennoch anlegt, dass es wagt, fürsorgliche Interessen des Staates gegen Profitinteressen zu behaupten, ist mutig und wegweisend.“

Natürlich könne man beklagen, dass es zu wenig ist und die praktische Umsetzung handwerklich ziemlich schwierig wird. „Aber vielleicht ist es der Beginn von Mehr – einem tatkräftigen Mehr an Auflagen für die Agrar- und Lebensmittelindustrie – zum Schutz der Kinder, Erwachsenen und letztlich auch zum Schutz des Planeten.“

Zur Person: Prof. Dr. Lotte Rose ist Erziehungswissenschaftlerin und seit 1997 Professorin der Frankfurt UAS am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte sind Genderforschung, Elternschaftsforschung, Food Studies, Fat Studies und Human Animal Studies. Seit 2003 leitet sie das Gender- und Frauenforschungszentrum der hessischen Hochschulen (gFFZ) mit Sitz an der Frankfurt UAS. Rose ist Mitbegründerin des erziehungswissenschaftlichen Netzwerkes „EssensPaed“ und war Mitglied in der DFG-Forschungsgruppe zu Fat Studies. (Text: Frankfurt University of Applied Sciences)
(gb)

News, Tipps, … – die neuesten Beiträge
16.07.2024
dKOMMENTAR: Detailhandel fürchtet Deklarationswahn mit «Transparenzpaket»
15.07.2024
dFORSCHUNG: Ratlosigkeit herrscht was Food Waste ist
14.07.2024
dTIPP: Grillschalen verwenden aber Alu-freie
11.07.2024
dKOMMENTAR: Viel Zucker schädigt die Hirngesundheit
09.07.2024
dTREND: Was und wie wir in Zukunft essen werden
08.07.2024 dTIPP: Holzkohle- oder Gasgrill - Qual der Wahl
07.07.2024 dFORSCHUNG: Gesundsheitsrisiken bei viel Chilischärfe
04.07.2024 dKOMMENTAR: Ist Reis noch zukunftsfähig trotz Klimaänderung?
02.07.2024 dTIPPS: Gemüse, Mais, Obst und Käse grillieren
01.07.2024 dSAISON: Die unterschätzte Fenchelknolle entdecken
30.06.2024 dFORSCHUNG: Pflanzendrink ist nicht gleich Pflanzendrink
27.06.2024 dNEWS: Die offiziell besten Cervelas prämiert
25.06.2024 dNEWS: Coop verkauft neu gefrostete ablaufende Fleischprodukte
23.06.2024 dTIPP: Nussig-bitterer Rucola bringt Charakter auf den Teller
21.06.2024 dNEWS: die offiziell besten Bioprodukte 2024
18.06.2024 dFORSCHUNG: Mann-Frau-Unterschiede beim Fleischkonsum
17.06.2024 dTIPP: Erdbeeren zu pikanten Produkten verarbeiten
16.06.2024 dKOMMENTAR: Influencer werben für ungeeignete Kinderlebensmittel
13.06.2024 dTIPP: Spargeln und Rhabarber vor Saisonende einfrieren
11.06.2024 dFORSCHUNG: Bei Zöliakie macht Gluten den Darm zu durchlässig
10.06.2024 dWISSEN: Wie ungesund sind Nitrate wirklich?
09.06.2024 dFORSCHUNG: gesündere, nachhaltigere Schokolade entwickelt
06.06.2024 dNEWS: Bäckerkrone 2024 geht an «Piraten-Bäckerei»
04.06.2024 dTIPP: Wasserglacé, Sorbet, Frozen Joghurt - do it yourself
03.06.2024 dTREND: Konsum von Schweine-Frischfleisch geht zurück
02.06.2024 dTIPP: Auberginen mit Schale aber nicht roh essen
30.05.2024 dNEWS: Schweizer Salzkonsum immer noch 75% zu hoch
28.05.2024 dTIPP: Food Festival Zürich 6.-16.6.2024
27.05.2024 dWISSEN: Chilischärfe vermutlich herzschonend aber kaum antibakteriell
26.05.2024 dTIPP: Eiweissbedarf pflanzlich decken mit den richtigen Kombinationen
Ecke für Profis
12.07.2024
.LANDWIRTSCHAFT: Bio-Rekord in der Schweiz trotz Produzentenfrust

Der Bioprodukte-Absatz 2023 erreichte einen neuen Rekord von 4 Mia Franken. Dennoch gibt es Kritik betreffend Produzentenpreise und nachhaltige Entwicklung.
©opyrights ...by ask, ralph kradolfer, switzerland