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.ERNÄHRUNG: Sind Süssstoffe gesundheitlich bedenklich?

Unsere Neigung für Süsses ist angeboren – schon die Muttermilch schmeckt süss. Doch in einer Gesellschaft mit ständig verfügbaren Kalorien wird diese Vorliebe zur Herausforderung. Denn Studien bringen „freien“ Zucker mit einem erhöhten Risiko für ernährungsmitbedingte Erkrankungen wie Zahnkaries, Übergewicht oder Diabetes mellitus Typ 2 in Verbindung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass „freie“ Zucker weniger als 10 Prozent der Tagesenergie ausmachen sollten. Bei Erwachsenen sind das maximal 50 Gramm täglich. Tatsächlich liegt der Durchschnitt hierzulande bei rund 70 Gramm.

Wie lässt sich Zucker reduzieren? Zum einen durch die Wahl der Lebensmittel – auf Süsses bewusst zu verzichten –, aber auch dann, wenn (Fertig-)Produkte weniger Zucker enthalten würden. Um eine gesunde Ernährungsweise zu fördern, hat die Bundesregierung deshalb im Jahr 2018 die „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie“ (NRI) verabschiedet. Darin verpflichten sich die Lebensmittelhersteller selbst dazu, neben Fetten und Salz auch die eingesetzte Menge an Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln zu reduzieren. Einige setzen auf den verstärkten Einsatz von Süssungsmitteln, die nahezu keine (Süssstoffe) oder wenige (Zuckeraustauschstoffe) Kalorien liefern.

So finden sich Süssungsmittel inzwischen in zahlreichen Fertigprodukten: von Limonaden über Joghurts bis hin zu Cornflakes oder Ketchup. In der Bevölkerung polarisiert dieser Zuckerersatz. Eine Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ergab: 34 % der Befragten finden Süssungsmittel harmlos, während 13 % sehr beunruhigt darüber sind. Innerhalb der Europäischen Union (EU) dürfen aktuell 21 Süssungsmittel verwendet werden. Sie haben eine Sicherheitsbewertung durchlaufen, wurden zugelassen und müssen im Zutatenverzeichnis auf der Produktverpackung angegeben werden.

Wie geht die Wissenschaft vor, um Auswirkungen dieser Stoffe auf die Gesundheit zu bewerten? „Die Krux ist, dass die einzelnen Süssungsmittel ganz unterschiedliche chemische Strukturen haben“, erklärt Dr. Britta Nagl, die am BfR die gesundheitlichen Effekte von Süssungsmitteln bewertet hat. Daher werden sie uneinheitlich verstoffwechselt; einige würden gar nicht abgebaut, andere hingegen in ihre „Einzelteile“ zerlegt und vom Körper verwertet.

Hinzu kommt die Herausforderung von Ernährungsstudien: Den gläsernen Menschen gibt es nicht, dafür aber reichlich weitere Faktoren wie Bewegungsmangel, Rauchen und genetische Anlagen, die das Körpergewicht und die Gesundheit mit beeinflussen können. „Zu erkennen, was am Ende ursächlich war, ist fast unmöglich. Zumal es meist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren ist und Krankheiten oft über Jahre hinweg entstehen“, erklärt Nagl.

Für die BfR-Bewertung arbeitete sich die Ernährungswissenschaftlerin gemeinsam mit ihren Kolleginnen im BfR monatelang durch hunderte Studien und analysierte, ob und wie sich ein verstärkter Einsatz und die kombinierte Verwendung von Süssungsmitteln auf das Risiko von Übergewicht, Diabetes, Schlaganfall oder Demenz auswirken könnte. Auch eine mögliche ungünstige Beeinflussung der Darmflora war Thema. Die Forschenden konzentrierten sich auf die fünf am häufigsten eingesetzten Süssstoffe Sucralose, Acesulfam K, Saccharin, Aspartam und Cyclamat.

Umstrittene Süssunsmittel

Einer der untersuchten Süssstoffe steht seit Jahren immer wieder in der Kritik. „Eine anhaltende Diskussion um Aspartam und Krebs hat dazu geführt, dass der Süssstoff heute eines der am besten untersuchten Süssungsmittel ist“, sagt Nagl. Wissenschaftliche Prüfungen des BfR, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und anderer wissenschaftlicher Institutionen haben den Krebs-Verdacht bislang nicht bestätigt. Demnach bestehen keine gesundheitlichen Bedenken, sofern die akzeptable tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake, ADI-Wert) nicht überschritten wird.

Eine Besonderheit gibt es bei Sucralose. Wird das als gesundheitlich unbedenklich zugelassene Süssungsmittel über 120 °C erhitzt, können Verbindungen mit krebsauslösendem Potenzial entstehen. Temperaturen zwischen 120 °C und 150 °C sind bei der industriellen Lebensmittelherstellung möglich und können auch zu Hause beim Backen, Frittieren und Braten entstehen. Für eine abschliessende Bewertung gesundheitlicher Risiken fehlen derzeit noch Daten. Bis diese vorliegen, empfiehlt das BfR, sucralosehaltige Lebensmittel nicht auf derart hohe Temperaturen zu erhitzen.

Sinnvoll für Gewichtsreduktion?

Immer wieder wird hinterfragt, ob Süssungsmittel wirklich beim Abnehmen helfen oder sogar das Gegenteil bewirken könnten. Unter streng kontrollierten Studienbedingungen hat sich gezeigt, dass Süssungsmittel als Zuckerersatz in Lebensmitteln oder Getränken eine Gewichtsabnahme unterstützen können. Die Studien sind jedoch hauptsächlich im Rahmen von Interventionsprogrammen zur Gewichtsreduktion mit kalorienreduzierter Ernährung und Ernährungsberatung durchgeführt worden. Die Ergebnisse lassen also keine Aussage darüber zu, ob das gleiche auch unter Alltagsbedingungen erreicht werden würde.

Ein scheinbares Paradoxon: Trotz wachsender Zahl an zuckerreduzierten Produkten steigt die Zahl übergewichtiger Menschen. Süssstoffe enthalten kaum Kalorien – warum also ändert ihr Einsatz nichts an dieser Entwicklung? Die Forschung ist sich uneins, ob Süssungsmittel den Appetit, Stoffwechsel oder Energiehaushalt langfristig beeinflussen. Daten aus Tierstudien sind nur bedingt auf den Menschen übertragbar, und die Datenlage beim Menschen ist begrenzt.

Was die Wissenschaft aber weiss: Zucker ist nur ein Faktor von vielen, die einen Einfluss auf das Übergewichtsrisiko haben. Ein anderer Faktor könnte das Verhalten sein. „Wer Light-Produkte konsumiert, gönnt sich an anderer Stelle vielleicht mehr. So wird der Kalorienspareffekt wieder aufgehoben“, vermutet Nagl. Auch Lebensstil-Faktoren wie Bewegung spielen eine Rolle. Abnehmen funktioniert nur, wenn mehr Energie verbraucht als aufgenommen wird. (Bundesinstituts für Risikobewertung BfR).
(gb)

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