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.TECHNOLOGIE: Pektin boomt als pflanzlicher Zusatzstoff
Pektine sind gesunde Nahrungsfasern aus Zellwänden von Obst und Gemüse und dienen als Geliermittel. Schweizer Zucker AG entwickelte «Swiss BETA PECTIN», gibt aber jetzt die Produktion auf.


Pektin boomt international als pflanzlicher Zusatzstoff für Lebensmittel, Nahrungsergänzung und Kosmetik. In der Schweiz ist die Nachfrage zwar stabil bis leicht steigend, ein eigentlicher Marktschub bleibt aber aus – und auch die Hoffnung auf eine eigenständige Schweizer Produktion hat sich mit dem Aus für «Swiss BETA PECTIN» vorerst nicht erfüllt.


«The Vegan Society», die weltweit älteste Organisation, die Veganismus fördert und definiert, registrierte 2021 über 16’000 neue pektinhaltige Produkte auf dem Weltmarkt. Von einem Boom rund um Pektin spricht auch das global auf marktwirtschaftliche Wachstumsprognosen spezialisierte Beratungsunternehmen «Research Nester». Es erwartet für 2026 am Weltmarkt Umsatzzuwächse für Pektinprodukte zwischen 1,56 und 1,79 Milliarden US-Dollar. Eine Umfrage zu Pektin im Schweizer Markt hingegen stimmt nicht so euphorisch: Hier werden wohl demnächst keine Grenzen gesprengt – obwohl pektinhaltige Lebensmittel bei Konsumentinnen und Konsumenten an Beliebtheit gewinnen.

Im Schweizer Detailhandel gehören diese Produkte seit längerem zum festen Sortiment. Das ist dem zunehmenden Gesundheitsbewusstsein bei Konsumentinnen und Konsumenten und dem Trend zu Clean-Label-Produkten geschuldet. Bei Coop gibt es unter den Labels «Dr. Oetker» und «Betty Bossi» Geliermittel für Konfitüren und Gelees mit Pektin. Und in den Apotheken von Coop ist mit «Omni-Logic» ein spezielles Apfelpektin als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Unter den Eigenmarken wie «Naturplan» wird in den Supermärkten pektinbasierter Gelierzucker und pektinhaltiges Geliermittel angeboten.

Die Migros führt unter dem Label «Patissier» ein pektinbasirtes Geliermittel für Konfitüren, Gelees und Tortenguss und verwendet bei Eigenprodukten wie Konfitüren, Saucen, Konditorei- und Feinbackwaren vielfach pektinbasierte Zusatzstoffe. Die Nachfrage entwickle sich bei Konfitüren und Backwaren konstant und bewege sich nahe am Vorjahresniveau, sagt Mediensprecher Andy Zesiger. Es gebe bisher keine Hinweise auf ein verändertes Kaufverhalten, das speziell durch Pektin getrieben würde. Aktuell werden laut dem Migros Mediensprecher in den Kategorien Konfitüren und Feinbackwaren keine neuen Produkte evaluiert, die gezielt aufgrund der Diskussion rund um Pektin angestossen wurden oder speziell als pektinbasiert positioniert sind.

Was sind Pektine und was macht sie so besonders?

Bei Pektinen handelt es sich um rein pflanzliche Ballaststoffe, die in den Zellwänden von Obst und Gemüse vorkommen. Sie sorgen für die Struktur in den Stängeln, Blättern, Blüten und in anderen festen Bestandteilen. Mehrheitlich werden sie als Nebenprodukte bei der Fruchtsaftherstellung aus Apfeltrester und Schalen von Zitrusfrüchten gewonnen. Sie werden bei der Lebensmittelproduktion vor allem als Gelier-, Verdickungs- und Stabilisierungsmittel für Konfitüren, diverse Süsswaren, Milchprodukte, Saucen, Getränke und Backwaren eingesetzt. Den höchsten Pektingehalt weisen Äpfel und Zitrusfrüchte auf. Beeren sind diesbezüglich weniger ergiebig.

Pektine machen bei der Ernährung Sinn. Denn als löslicher Ballaststoff fördern sie vor allem die Verdauung und können auch den Cholesterinspiegel regulieren. Wertschätzung geniessen Pektinprodukte, weil sie eine ideale vegane Alternative zu tierischer Gelatine sind. Für den Eigengebrauch in der Küche sind Pektine im Detailhandel als Pulver oder Flüssigkeit erhältlich, beispielsweise zur Herstellung von Konfitüren, Gelees und Chutneys. Sie werden in hochveresterte und niederveresterte sowie in amidierte Typen eingeteilt. Ester sind chemische Verbindungen in der Natur. Ihre Eigenschaften bestimmen das Anwendungsspektrum der Pektine: Amidierte Pektine gelieren unabhängig von hohem Zuckergehalt, brauchen jedoch für die Anwendung Calcium.

Aldi führt unter dem Label «Gut Bio» zahlreiche vegane Produkte, insbesondere im Bereich Fruchtaufstriche und Konfitüren. Zudem umfasst das Sortiment vegane Fruchtgummis, Grütze und verschiedene Produkte, die vegane Geliermittel nutzen. Nicht alle «Gut Bio»-Produkte seien aber pektinbasiert, sagt Martina Macias von der Medienstelle Aldi Suisse. In veganen Produkten könnten unterschiedliche pflanzliche Gelier- und Verdickungsmittel zum Einsatz kommen. Neben Pektin würden auch Agar-Agar, Carrageen, Xanthan oder Guarkernmehl verwendet. Bei Fruchtaufstrichen würde jedoch überwiegend Pektin eingesetzt.

Pektin ist rar und vielseitig einsetzbar

Pektin ist eine kostbare Substanz. Denn aus 100 Tonnen Äpfel können je nach Reifezustand und Extraktionsverfahren nur zwischen 100 und 150 Kilogramm Pektin gewonnen werden. Im Handel variieren die Preise sehr stark. Im Durchschnitt kostet in Deutschland ein Kilogramm Pektin zwischen 40 und 60 Euro und in der Schweiz gibt es Angebote von 50 bis 100 Franken. Vielfach ist der vegane Lebensmittelzusatzstoff für den Eigengebrauch in 50 und 100 Gramm Beuteln erhältlich.

Pektinmarkt ist in den Händen von Konzernen

Der globale Pektinmarkt wird durch Konzerne dominiert, die Nährstoffe und Nahrungsergänzungsmittel herstellen. Darunter sind die weltweit grössten Pektinhersteller Cargill, CP Kelco und Danisco in den USA, Yantei Andre Pectin in China und Herbstreith & Fox in Deutschland. Sie haben in über 100 Ländern Produktionsstätten und Vertriebsorganisationen. Mit dem im thurgauischen Bischofszell tätigen Spin-Off Unternehmen APECX SWISS AG, das die frühere Schweizer Marke «OBIPEKTIN» übernommen hat, und dem in Kaiseraugst ansässigen Chemiekonzern DSM-Firmenich produzieren derzeit in der Schweiz zwei Ableger grosser internationaler Konzerne in kleinen Mengen Pektin für den Schweizer Markt und für das Ausland.

Trotzdem spielt die Schweiz im Business mit Pektin vorerst keine Rolle. Das wollte die Schweizer Zucker AG mit ihren Zuckerrüben-Verarbeitungsbetrieben in Aarberg und Frauenfeld ändern. Nach jahrelanger Forschung gelang es aus Zuckerrübenschnitzeln Pektin zu extrahieren und die Marke «Swiss BETA PECTIN» auf die Beine zu stellen, die in Frauenfeld seit 2021 vom Band läuft. Die Stärke von «Swiss BETA PECTIN» liegt bei der Stabilisierung von Aromaölen in Softdrinks und als Emulgator für weitere Lebensmittel, ohne deren Herstellungsprozess grundlegend zu ändern.

Die Schweizer Zucker AG hat für die Gewinnung von Pektin aus Zuckerrüben ein Weltpatent. Mit dem Produkt sollte über das Kerngeschäft hinaus durch die nachhaltige Rundumverwertung der Zuckerrübe Mehrwert generiert werden. Ziel war die Positionierung von «Swiss BETA PECTIN» auf dem regionalen Markt. Aber auch der Export der Marke wurde ins Auge gefasst.

Doch jetzt ist Schluss: Die Produktion von «Swiss BETA PECTIN» läuft aus – die Erwartungen auf dem Absatzmarkt haben sich nicht erfüllt. «Wie bei jedem Innovationsprojekt haben wir die Rentabilität stets im Auge behalten», sagt Raphael Wild, Kommunikationsleiter bei der Schweizer Zucker AG. «Nach fünf Jahren auf dem Markt haben wir jetzt den Entscheid für den Ausstieg gefällt», erläutert er weiter.

Das Pektin aus Zuckerrübenschnitzeln war vorgesehen für die Anwendung in Softdrinks, Mayonnaise, Salatsaucen, Cremes sowie für verschiedene vegane Milch- und Fleischalternativen. Der Vertrieb war in Europa sowie in den Ländern Indonesien, Kambodscha, Laos, Myanmar, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam geplant.

In Sachen Pektin ist die Schweiz gewissermassen in Wartestellung. Der Schweizer Obstverband setzt sich mit der Sicherung von Verwertungsbeiträgen bei Obst und Früchten für eine nachhaltige Förderung der Inhaltsstoffe ein. Obst und Früchte sind die Hauptlieferanten von Pektin.

Trotzdem ist laut dem Verband keine Ausdehnung der Massnahmen geplant: «Weitere Fördermassnahmen sind der zeit nicht geplant», sagt Chantale Meyer von der Medienstelle des Schweizer Obstverbands. Trotz zunehmender Nachfrage nach Pektinprodukten sei es aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich, dass die Anzahl an Pektinhersteller zunehme, so der Obstverband. «Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sprechen derzeit nicht dafür, dass sich in der Schweiz neue Produktionsunternehmen in diesem Bereich etablieren», meint Chantale Meyer. (LID)
(gb)

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