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Gran Alpin Bio-Berggetreide: Viel Idealismus im ländlichen Raum
Seit mehr als 20 Jahren fördert die Genossenschaft Gran Alpin den biologischen Berggetreidebau in Graubünden. Die Produkte sind sehr gefragt, der Absatz ist gut. Nur der Verdienst ist weiterhin klein.



Gran Alpin-Teigwaren der Gomser Manufaktur Novena Frischprodukte


"Safrannudeln? Ja natürlich, wie viel hätten Sie denn gerne?" Maria Egenolf-Matthieu ist noch am Telefon, "Rollgerste? Im Stoffsäckchen oder im Kilobeutel?" Es dauert ein paar Minuten, die Liste auf ihrem Bestellzettel wird immer länger. So bleibt Zeit, die Fotos an der Wand zu betrachten. Fotos von Bauern in Getreidefeldern, allesamt Produzenten von Gran Alpin. Junge und alte, grosse und kleine, mehr oder weniger herausgeputzte Männer schauen sichtlich stolz in die Kamera. Oft sind im Hintergrund Berge zu sehen und manchmal merkt man, dass das Feld nur wenige Meter breit ist.

Egenolf hat inzwischen aufgelegt und erklärt: "Die meisten Äcker sind nur zwischen 30 Aren und zwei Hektar gross." Seit Juni dieses Jahres ist die Agronomin mit deutschen Wurzeln Geschäftsführerin bei Gran Alpin, einer Genossenschaft, die sich seit mehr als 20 Jahren der Förderung des Berggetreidebaus in Graubünden verschrieben hat. Während im Unterland die Getreidefelder stets wachsen, legt Egenolf keinen Wert auf grössere Flächen; viel lieber hätte sie noch mehr Produzenten.

Derzeit produzieren rund 50 Biobauern zirka 200 Tonnen Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel, Hafer, Buchweizen und Hirse für die Genossenschaft. Bevor Egenolf dazu kommt, zu erklären, dass das Getreide praktisch überall im Bündnerland angebaut wird, dass die Äcker zwischen 800 und 1'800 Meter über Meer liegen und dass die Verarbeitung in der Region passiert, wird das Gespräch erneut von einem Anruf unterbrochen: "Tut mir leid, die Braugerste ist noch nicht gedroschen, ich weiss erst in einer Woche, wie viel es gibt."

Gran Alpin vermarktet Getreide nicht nur in Form von Körnern, Mehl und Teigwaren, sondern auch als Bier. Dazu muss die Braugerste erst einmal nach Süddeutschland gebracht werden, denn in der Schweiz gibt es keine Mälzerei. "Für einen Malzvorgang braucht es mindestens fünfzehn Tonnen", sagt Egenolf, "und zwar von ein und derselben Sorte". Dieses Jahr haben die Gran Alpin-Produzenten jedoch drei verschiedene Sorten Braugerste angebaut – ob alle die Mindestmenge ernten, ist derzeit noch unsicher. In Zukunft will Egenolf den Anbau besser koordinieren. Noch einfacher wäre es jedoch – auch für andere Schweizer Kleinbrauereien – wenn es eine kleine, regionale Schweizer Mälzerei gäbe, in der kleinere Mengen verarbeitet werden können. Zwar wird derzeit im bündnerischen Monstein über ein solches Projekt diskutiert, doch ob es realisiert wird, steht noch in den Sternen.

Agrarpolitik torpediert Regionalpolitik

Der Bergackerbau ergänzt die Viehhaltung und bietet zahlreichen Tier- und Pflanzenarten selten gewordene Lebensräume. Dank dem Getreidebau werden auch landschaftlich reizvolle Terrassen erhalten und weiterhin genutzt. Das bereichert das Landschaftsbild, was wiederum dem Tourismus zu Gute kommt. Weil das Getreide von Gran Alpin regional verarbeitet wird, sichert es Arbeitsplätze im ländlichen Raum, ein Grossteil der Wertschöpfung bleibt in der Region. Die Nachfrage nach Gran Alpin-Produkten ist ausgesprochen gut.



"Das Problem ist, dass wir immer nur so viel mahlen wollen, wie wir in kurzer Zeit brauchen. Sonst verdirbt uns das Mehl."


Als bäuerliche Selbsthilfeorganisation wird die Genossenschaft Gran Alpin dem "Bottom-up-Ansatz", auf den heutzutage bei Projekten im ländlichen Raum sehr viel Wert gelegt wird, mehr als gerecht. So gesehen ist Gran Alpin also ein Paradebeispiel für die Strategie des Bundes zur Entwicklung des ländlichen Raums.

Gleichzeitig bestraft der Bund den Getreideanbau im Berggebiet mit seiner Agrarpolitik: Die Bergbauern erhalten nämlich pro Hektar 1'000 bis 2'000 Franken mehr Direktzahlungen, wenn sie Kühe halten, statt Getreide anbauen. Das hat Berater Baptist Spinatsch anlässlich einer Tagung zum Bergackerbau unlängst vorgerechnet. Mit Inkrafttreten der Agrarpolitik 2011 wird der Druck auf den Getreideanbau im Berggebiet weiter zunehmen. Dann wird der Anbau von Mais und Kunstwiesen noch lukrativer, weil die Flächen als Grundfutterfläche angerechnet und so mehr tierbezogene Beiträge ausgelöst werden können. Damit unterwandert die Agrarpolitik die Bemühungen der Bauern, die Wertschöpfung im ländlichen Raum zu halten.

Grosse Logistik für kleine Mengen

Das Mengenthema ist bei Gran Alpin zentral. Wir sind zu gross für die kleinen Mühlen und zu klein für die grossen", sagt Egenolf. In der genossenschaftseigenen Mühle in Salouf werden nur Spezialitäten in kleinen Chargen produziert. Das restliche Getreide wird im Bergell, im Münstertal und in einer grösseren Mühle in Grüsch zu Mehl verarbeitet. Doch ausgerechnet letztere will sich nächstes Jahr nicht mehr für die Verarbeitung von Biogetreide zertifzieren lassen. Dann wird die 48-jährige Geschäftsführerin eine Alternative suchen müssen. "Das Problem ist, dass wir immer nur so viel mahlen wollen, wie wir in kurzer Zeit brauchen. Sonst verdirbt uns das Mehl."

Problem Mähdrescher

Gebraucht wird das Mehl vor allem regional. So wird Gran Alpin-Brot in Bergün, Davos, Tiefencastel und Rodels produziert; das Bier in Tschlin, Appenzell oder in Monstein gebraut und die Teigwaren von einer kleinen Firma im Wallis hergestellt. "Im Wallis ist man ja auch froh um Arbeitsplätze", sagt Egenolf. Doch so gut die regionale Verarbeitung für die Wertschöpfung ist, so aufwändig ist der Transport im Berggebiet: "Im Raum Zürich habe ich früher an einem Tag 13 Läden mit Bioprodukten vom Hof beliefert. Hier brauche ich oft einen ganzen Tag, um hundert Kilogramm Getreide an einen einzigen Ort zu bringen."

Transportoptimierung steht deshalb auf Egenolfs Aufgabenliste ganz weit oben; gleich nach der Optimierung der betrieblichen Infrastruktur. Denn für die Ernte der kleinen, oft auch steilen Flächen braucht es kleine Mähdrescher. Solche Mähdrescher gibt es inzwischen kaum noch – die meisten sind alt und eine Neuanschaffung lohnt sich nicht. Ein überregionaler Einsatz ist schwierig, der Transport über die Pässe zu aufwändig und zeitintensiv. Eine bessere Auslastung der Mähdrescher kann eigentlich nur erreicht werden, wenn es mehr Getreideproduzenten in einer Talschaft hat.



"Die meisten Äcker sind nur zwischen 30 Aren und zwei Hektar gross."
(Bild: reifes Gerstenfeld)


Gute Nachfrage, bescheidene Wirtschaftlichkeit

Doch der Berggetreideanbau ist anspruchsvoll. Und obwohl die Nachfrage gross und der Absatz gut ist, liegen keine exorbitanten Preise drin: "Wir zahlen zwar deutlich mehr als für normales Biogetreide und die Beträge sind zusätzlich nach Höhenlage und Erschwernis gestuft." Doch die Gran Alpin-Produkte bewegen sich bereits im oberen Preissegment, höhere Preise würde sie zu Luxusgütern machen.

Die Wirtschaftlichkeit des Berggetreideanbaus ist für die Bauern deshalb bescheiden, das Anbaurisiko dagegen gross: "Es kommt immer wieder vor, dass einzelne Bauern einen Totalausfall haben." Zum Beispiel wenn es noch vor der Ernte schneit, oder wenn es lange Zeit zu nass ist, um eine mechanische Unkrautbekämpfung durchzuführen. Mit dem Schadensfonds von Gran Alpin können die Verluste nur abgefedert, nicht jedoch vollständig gedeckt werden. Egenolf: "Ich denke, die Produzenten sind ein Stück weit Idealisten. Sonst hätten sie schon längst damit aufgehört."
(Quelle: LID / Eveline Dudda. Bilder: foodaktuell.ch / cipra)

www.granalpin.ch
www.berggetreide.ch
(gb)

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