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Druckansicht20.11.2009
Schweizer produzieren Angus-Rindfleisch in den Karpaten
Zwei junge Ostschweizer bauen in Rumänien eine Angus-Mutterkuhherde auf. In zwei Jahren sollen die ersten nachhaltig produzierten Steaks auf den Markt kommen.


Samuel Widmer besucht die Mutterkühe praktisch täglich auf der Weide, damit sie zutraulich bleiben.

Den 31-jährigen Toggenburger Samuel Widmer hat es ins rumänische Siebenbürgen verschlagen. Gewisse landschaftliche Ähnlichkeiten mit seiner Heimat lassen sich nicht in Abrede stellen, doch der Unterschied liegt in den Dimensionen: "Hier liegen tausende von Hektaren bestes Agrarland einfach so brach!" sagt er. Grund genug für ihn und seinen 34-jährigen Geschäftspartner Stefan Jung, den Schritt nach Rumänien zu wagen. "In der Schweiz ist es in der Landwirtschaft ja praktisch nicht mehr möglich, etwas von Grund auf aufzubauen", sagt Widmer. Doch genau das hatten sich die beiden gelernten Metzger in den Kopf gesetzt. Ihre Vision: Zartes Rindfleisch von höchster Qualität, nachhaltig produziert auf den Weiden Rumäniens.

Die beiden Ostschweizer verfügen in Nocrich in der Nähe von Sibiu über 2000 Hektaren bestes Landwirtschaftsland, das im Besitz eines Investoren-Konsortiums ist. Ideal für Mutterkuhhaltung. Zum Gelände gehören auch Gebäude wie die in Rumänien typischen 74 Meter langen und 11 Meter breiten Einheitsställe. Einige davon wurde als erstes renoviert und zu Laufställen umfunktioniert. Diese sollen vor allem als Quarantäne-Ställe für importierte Tiere genutzt werden.

Für die Zukunft haben die beiden im Nachbardorf Marpod einen ehemaligen Kolchosebetrieb übernommen, in dem früher 3'000 Milchkühe gehalten wurden. Zusammen mit dem Futterbau-Partnerbetrieb werden sie dort in den nächsten Monaten den "Biopark" aufbauen, mit neuen Ställen und Lagerhallen. Das Gelände ist stattlich und erstreckt sich über 15 Hektaren. Ein frisch gebohrter 100 Meter tiefer Brunnen sichert die Versorgung mit sauberem Wasser.

Die beiden Betriebe arbeiten eng zusammen. Auf 1'000 Hektaren biozertifizierter Anbaufläche produziert der Partnerbetrieb einen Teil des Futters für die Mutterkühe. Diese wiederum liefern Mist als Dünger. Die Weiden von "Karpaten Meat" um Nocrich befinden sich zurzeit noch in der Bio-Umstellungsphase.

Mutterkuhherde im Aufbau

Die eigentliche Kernaufgabe der beiden Agrar-Unternehmer bildet aber in der Anfangsphase der Aufbau der Mutterkuhherde. Im letzten Jahr importierten sie die ersten 120 teilweise bereits trächtigen Angus-Rinder aus Deutschland. Ende August kamen weitere 100 Stück dazu. Sie müssen jeweils 30 Tage in der Quarantäne-Station verbringen. Die rumänischen Einfuhrbestimmungen seien ziemlich streng, sagt Widmer. So sei die Impfung gegen die Blauzungenkrankheit in Rumänien obligatorisch. Da gebe es nichts zu diskutieren.



Die Fleischrasse Angus eignet sich besonders gut für die extensive Weidehaltung.


"Angus-Fleisch ist zart und genügt höchsten Ansprüchen!" sagt der Toggenburger. Beim Aufbau der Herde wird darauf geachtet, dass nur reines Genmaterial verwendet wird. Nur so könne man sicher sein, die gewünschte Qualität zu erreichen. Bis zu 2'000 Rinder sollen es mittelfristig sein. Das ist kein Problem auf diesen Flächen, denn Futter ist genug da. "Alles, was die Kühe fressen, wächst auf unseren Wiesen und auf den Äckern des Partnerbetriebes", sagt Widmer.

Kein Kraftfutter aus Übersee also. Auch die Schlachtung soll vor Ort geschehen. Und das ist fast schon eine Besonderheit in Rumänien: Denn ein grosser Teil der rumänischen Nutztiere wird in Lebendtransporten durch halb Europa zu Schlachthöfen gekarrt und kommen erst als Steak ins Land zurück. Ein Irrsinn natürlich, gegen den Widmer und Jung mit ihrem Projekt antreten. Vom Kalb bis zum verpackten Fleisch, alles am gleichen Ort naturnah produziert, das ist ihre Idee.


Die ersten Angus-Steaks aus den Karpaten werden voraussichtlich im Jahr 2011 den Betrieb verlassen. Zieldestination sind die westeuropäischen Märkte. Das ist nahe liegend, denn Rumänien ist Mitglied der EU. Auch der Schweizer Markt dürfte früher oder später zum Thema werden, Kontakte bestehen bereits. Widmer war zuvor bei einem Schweizer Detailhändler für den Fleischeinkauf zuständig und kennt den Markt bestens.

Geschäftspartner Jung – übrigens neben Metzger auch noch ausgebildeter Landwirt – arbeitete zuletzt als Vieheinkäufer für einen grossen Schweizer Fleischverarbeiter. Die beiden sind überzeugt, dass das Interesse an nachhaltig produziertem Qualitätsrindfleisch weiter zunehmen wird. Aber kauft man im Westen tatsächlich Fleisch aus Rumänien? "Da sind wir im Marketing gefordert", sagt Widmer. Denn trotz langen Transportwegen weise das nachhaltig und extensiv erzeugte Fleisch im Vergleich zur üblichen Massentierhaltung im Westen oder den Importen aus Übersee eine deutlich bessere Ökobilanz auf.


Die Angus-Herden tummeln sich zurzeit auf der Weide. Ein Hirte passt Tag und Nacht auf die Tiere auf. Zu seinen Aufgaben gehört nicht nur die Kontrolle des Elektrozauns: In der Umgebung gibt es Wölfe und Bären. Realer ist aber vermutlich die Gefahr, dass Vieh geklaut wird. Besonders so wertvolle Kühe, wie sie hier stehen. Gemütlich grasen die Gruppen mit den roten und schwarzen Angus die Weide ab. Vom fremden Besuch lassen sie sich nicht beunruhigen. "Wir achten darauf, dass die Tiere zutraulich bleiben", erklärt Widmer. Der tägliche Kontakt sei deshalb ein Muss. Besonders viel Arbeit gibt jeweils das Setzen des Elektrozauns. Er zeigt auf den Hügel nebenan und sagt: "Dieser ist in den nächsten Tagen dran!"

Schweizer Mitarbeiter gesucht

In den nächsten Monaten wollen sich Widmer und Jung intensiver um die Vermarktung kümmern. Die beiden beschäftigen bereits jetzt acht einheimische Mitarbeiter. "Leider sind sie nicht besonders selbständig und initiativ", macht Samuel Widmer eine in Rumänien oft gehörte Aussage. Deshalb suchen sie Mitarbeiter aus der Schweiz, die Verantwortung übernehmen wollen. "Es ist eine gute Gelegenheit für junge Landwirte aus der Schweiz, die gerade in der aktuellen Milchkrise keine Perspektiven mehr sehen", sagt Widmer. www.karpaten-meat.com. (Text und erstes Bild: LID / David Eppenberger)
(gb)

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