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.ERNÄHRUNG: Sind Stoffwechsel-Diäten seriös?
Es gibt weit über hundert Diäten, von wissenschaftlich fundierten über esotherische und wirkungslose bis hin zu riskanten. Und intensiv geforscht wird am Einfluss der genetischen Veranlagung auf den Stoffwechsel. Eine Standortbestimmung.

Die junge Wissenschaft «Nutrigenomik» geht davon aus, dass die Menschen unterschiedlichen Stoffwechseltypen angehören. Diese sind genetisch festgelegt, und die Gene bestimmen, wie Nährstoffe verstoffwecheslt werden.

Aber auch umgekehrt verändern Nährstoffe die Aktivität der Gene. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse fanden Eingang im fünften Schweizerischen Ernährungsbericht.

Die neuen Begriffe benötigen zunächst einmal eine Erklärung:

Nutrigenomik ist die Wissenschaft der molekularen Einflüsse von Genen und Nährstoffen auf Stoffwechsel und Gesundheit. Ein Anwendungsziel ist die Entwicklung von Functional Food für Prävention und Therapie.

Die Nutrigenetik ist ein Teilbereich der Nutrigenomik und erforscht den Einfluss der Gene auf Stoffwechsel und Gesundheit. Anwendungsziele sind die Diagnostik von Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Mangelerscheinungen sowie personalisierte Ernährung auf der Basis individueller genetischer Varianten (Genotyping).

Bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE bestätigt man, dass einige genetisch bedingte Stoffwechselkrankheiten bekannt sind, die eine dauernde Anpassung der Ernährung erfordern wie z.B. die Phenylketonurie und die Galaktosämie: Bei vielen anderen Stoffwechsel-Krankheiten können jeweils mehrere Gene defekt sein. Dies kann zu Störungen bei den entsprechenden Enzymen und somit zu Teilausfällen im Stoffwechsel führen. Hier liefert uns die heutige Forschung laufend neue Resultate, die dann zu individuellen Diäten führen können.

Auch für Diabetes vom Typ 1, bei welchem der Körper zuwenig Insulin produziert, existiert eine genetische Veranlagung. In diesem Fall muss der Zucker-Konsum (vor allem Glukose) streng geregelt werden. Die Wissenschaft arbeitet nun an Techniken, die einen gezielten Ersatz von Genen im Körper ermöglichen, der so genannten Gentherapie. «Obwohl hier schon einige Teilerfolge vorliegen, wird es wohl noch viele Jahre dauern, bis man auf diese Art solche Krankheiten heilen kann», vermutet Walter.

Aber ob es Übergewichts-Risikogene gibt ist umstritten, ebenso ob man die falschen Gene ersetzen kann und damit das Gewicht halten oder reduzieren kann. So oder so ist es wichtig, rechtzeitig einzugreifen und nicht erst, wenn der Body Mass Index die Alarmgrenze überschreitet. Bei gesunden Menschen ist die Lebensmittelpyramide trotz individueller Stoffwechsel-Unterschiede die richtige Ernährungsstrategie. Aber bei kranken muss man diese an den Patienten anpassen.

Industriell massgeschneiderte Diätprodukte?

Ob Nutrigenomik dabei helfen kann, weiss man heute noch nicht. Die angewandte Ernährungsforschung wie bei Nestlé praktiziert bringt zwar heute schon massgeschneiderte Functional Foods hervor, etwa für Schwangere, Kinder, Sportler oder Personen mit leicht erhöhtem Cholesterin.


Aber Nestlé forscht gemäss einem Bericht in «Facts» auch an personalisierten Produkten für unterschiedliche Stoffwechseltypen. «Dies setzt Stoffwechselanalysen voraus (Metabolic Typing) um herauszufinden, zu welchem der zahlreichen Typen eine Person gehört», schrieb die Facts-Autorin.

Die Stoffwechsel-Typisierung geht davon aus, dass verschiedene Genotypen auf Nahrungsmittel unterschiedlich ansprechen: Dabei werden beim Ziel einer Gewichtsreduktion Nahrungsmittel in erlaubte und verbotene eingeteilt. Man ermittelt die Typen anhand einer Befragung und einer aufwändigen, teuren Blut-, Urin- oder Speichelanalyse.

Mode oder Wissenschaft?

Es gibt bereits einen boomenden Markt für Bluttests, sogar in Fitness-Studios. Dieses Konzept verfolgt auch die modische aber unwissenschaftliche Blutgruppendiät. Auch die Sonntagszeitung griff das Thema der Stoffwechseldiäten auf und verwies unter dem Titel «Metabolic Typing» auf die Website der Privatklinikgruppe Hirslanden. Aber dort winkte Stoffwechsel-Spezialist Philippe Beissner ab: «Es existieren keine schulmedizinischen Untersuchungen, welche die Nützlichkeit davon belegen. Daher bieten wir keine solche Untersuchung oder Stoffwechseldiäten an».

Wahr ist nur, dass jeder Mensch mit Übergewicht seine besondere Geschichte hat und dass daher Übergewicht viele Ursachen haben kann. «Eine individuelle Behandlung je nach biologischer und sozialer Situation ist notwendig», bestätigt Beissner. «Die Werkzeuge dafür sind das ärztliche Gespräch, je nach Situation schulmedizinische Labor-Analysen und in einzelnen Fällen die Messung des Ruhe-Kalorienverbrauchs. Aber Tests, ob ein Mensch Rüebli oder Kartoffeln besser verträgt, sind nur Marketing-Gags». Die fachmännische Betreuung durch eine dipl. Ernährungsberaterin ist ebenfalls ein solches Werkzeug. (GB)

Fachkongress «Personalisierte Ernährung»

Eine Standortbestimmung zu diesem Themenkomplex nahm kürzlich die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), Heilbronn, vor und lud zu einem Fachkongress ein: „Personalisierte Ernährung – Anwendungsreife auf dem Prüfstand“. Personalisierte Ernährung sei bisher eindeutig eine Eliteernährung, so Professorin (emeritiert) Hannelore Daniel, in ihrer einleitenden Moderation; getrieben von den Life-Sciences, und eindimensional auf Gesundheit ausgerichtet. Dabei ignoriere sie meist ganz viele Lebensumstände, die wichtig für die Compliance sind, also die Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Massnahmen. Wenn man Menschen dazu bewegen möchte, ihr Ernährungsverhalten zu ändern, müsse man genau wissen, was sie mögen und was sie nicht mögen. Das sei wichtiger als Kenntnisse von eigenen Genvarianten und den damit verbundenen (statistischen) Risiken, so Daniel.

Einen Aspekt, nämlich den der genbasierten Ernährungsempfehlungen zur Gewichtsreduktion beleuchtete Dr. Christina Holzapfel vom Klinikum rechts der Isar, Institut für Ernährungsmedizin, Technische Universität München (TUM). Es gebe zahlreiche Angebote genbasierter Ernährung, so Holzapfel. Schaue man sich jedoch die jeweiligen Homepages dieser Anbieter an, so zeige sich, dass es dort viel um Lebensstile geht, wobei die Energiereduktion eine wesentliche Rolle spiele, plus Coaching und Feedbackinstrumente. Am Ende gehe ein Erfolg eben nicht auf die Genetik zurück, sondern auf die Kalorienrestriktion, auf Grundlage der Empfehlungen der jeweiligen Anbieter. Mit anderen Worten: Es gibt bis dato „keine Evidenz für einen klinischen Zusammenhang zwischen Genetik, Energie-, Kohlenhydrat- und Fettzufuhr“.

Die genbasierte Ernährung sei aktueller Forschungsgegenstand; eine genbasierte Ernährungsempfehlung auszusprechen, sei aufgrund der derzeitigen Datenlage nicht sinnvoll, da momentan nicht evidenzbasiert, so die Münchner Wissenschaftlerin Holzapfel. (BZfE)
(gb)

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