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KOMMENTAR: Bundesrat empfiehlt, Ernährungsinitiative abzulehnen

Die Ernährungsinitiative will den Selbstversorgungsgrad in der Schweiz auf 70 Prozent erhöhen. Der Bundesrat empfiehlt, die Initiative abzulehnen. Nicht nur er hält die Ziele für unrealistisch. Das Initiativekomitee wirbt mit weniger Abhängigkeit vom Ausland und mehr Pflanzenbau in der Schweiz. (initiative-fuer-eine-sichere-ernaehrung.ch)

Ende September 2024 zustande gekommen und voraussichtlich Ende 2026 an der Urne: Mit der eidgenössischen Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung – durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser» gelang Franziska Herren ohne Unterstützung einer Partei eine erfolgreiche Lancierung. Das Hauptziel der Initiative: Den Netto-Selbstversorgungsgrad von heute 46 Prozent auf mindestens 70 Prozent erhöhen.

Der Selbstversorgungsgrad wird in Kalorien gemessen und beschreibt das Verhältnis der Inlandproduktion zum inländischen Gesamtverbrauch. Beim Netto-Selbstversorgungsgrad wird die Energie der importierten Futtermittel abgezogen, weshalb der Wert tiefer ist als beim Brutto-Selbstversorgungsgrad.

Laut dem Initiativkomitee liesse sich dieses Ziel erreichen, wenn mehr pflanzliche Lebensmittel angebaut würden. Mit dem Anbau von mehr pflanzlichen Lebensmitteln könnten mehr Menschen ernährt werden und die Selbstversorgung somit gesteigert werden, denn besonders in Krisenzeiten können Importe schnell wegfallen. Auch der Wasserverbrauch sei beim Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln tiefer, so das Initiativkomitee.

Staatlich werde die Produktion und der Konsum von tierischen Lebensmitteln mit 2,3 Milliarden Franken unterstützt, während es bei pflanzlichen Lebensmitteln nur 0,5 Milliarden seien. Dies entspricht einer Förderung im Verhältnis von 82 Prozent zu 18 Prozent. Das Initiativkomitee stützt sich dabei auf Zahlen der unabhängigen Denkwerkstatt Vision Landwirtschaft von 2018.

Selbstständigkeit und Biodiversität

Die Lebensmittelversorgung der Schweiz ist zu mehr als der Hälfte vom Ausland abhängig. Würden mehr pflanzliche Lebensmittel produziert, würde auch die Abhängigkeit sinken, schreibt das Initiativkomitee. Auf 60 Prozent der Schweizer Ackerflächen würden Futtermittel für Tiere statt pflanzlicher Lebensmittel für Menschen angebaut. Diese sollen vermehrt für die menschliche Lebensmittelproduktion genutzt werden.

Unter anderem Pestizide und Gülle würden sauberes Trinkwasser sowie Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität zerstören, heisst es auf der Webseite des Initiativkomitees. Wichtig seien daher nachhaltige Anbauformen wie beispielsweise Mischkulturen oder Agroforstwirtschaft. Die Initiative fordert die Förderung von samenfestem Saat- und Pflanzgut. Hybridsorten und Gentechnik würde die Schweizer Lebensmittelversorgung in Abhängigkeiten von grossen Konzernen führen.

Hoher Selbstversorgungsgrad bei tierischen Nahrungsmitteln

Laut dem Agrarbericht 2024 ist der Selbstversorgungsgrad bei den tierischen Nahrungsmitteln in der Schweiz deutlich höher als bei den pflanzlichen Der Netto-Selbstversorgungsgrad bei pflanzlichen Nahrungsmitteln belief sich 2022 auf 37 Prozent, bei tierischen 69 Prozent. Dies ist auf die Produktionsstrukturen der Schweizer Landwirtschaft zurückzuführen: die vorhandenen Grasflächen eignen sich vor allem für die Produktion tierischer Nahrungsmittel.

Im Jahr 2022 konnte die Schweiz 106 Prozent des inländischen Bedarfs an Milch und Milchprodukten mit inländischen Produkten decken. Damit weist die Schweiz den höchsten Selbstversorgungsgrad bei Milch und Milchprodukten auf. Bei Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten belief sich diese Zahl 2022 auf 78 Prozent, bei Speisekartoffeln auf 79 Prozent und Brotgetreide auf 68 Prozent.

Gegenwind vom SBV

Der Schweizer Bauernverband (SBV) ist alles andere als begeistert von der Initiative. «Korrekterweise müsste sie ‹Initiative für eine vegane Ernährung› heissen», schreibt der SBV in einer Medienmitteilung vom 13. August 2025. «Denn nur mit einem Konsum weitgehend ohne tierische Produkte und damit einem Vegan-Zwang für die Schweizer Bevölkerung liesse sich der geforderte Selbstversorgungsgrad erreichen.»

Die Forderung nach einem grösseren Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln sei überflüssig. In der Schweiz würden Tierhaltung und Pflanzenbau zusammengehören und möglichst geschlossene Nährstoffkreisläufe sowie gesunde Böden sicherstellen. Weiter dementiert der Schweizer Bauernverband die Aussage des Initiativkomitees, dass nur 18 Prozent der Agrarsubventionen der pflanzlichen Lebensmittelproduktion zugutekäme. Laut dem SBV liessen sich rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nicht der tierischen oder pflanzlichen Produktion zuordnen.

Nein-Komitee propagiert Produktionsrückgang

Die «Allianz gegen die Ernährungsinitiative», bestehend aus verschiedenen Organisationen aus der Land- und Ernährungswirtschaft, sieht in dem Initiativtext Auflagen, die tiefere Erträge zur Folge hätten. Die Initiative schwäche das Produktionspotential für pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Kartoffeln, Raps, Getreide oder andere pflanzliche Kulturen. «Die Schweizer Lebensmittelproduktion und -versorgung ginge zurück, von ‹sicherer› Ernährung kann also keine Rede sein», lässt die Allianz verlauten.

Im Bereich Züchtung würde eine Annahme der Initiative zu einem massiven Rückschritt führen, schreibt die Allianz weiter auf ihrer Webseite. Ein Produktionsrückgang würde sowohl tierische als auch pflanzliche Lebensmittel teurer machen, was den Einkaufstourismus begünstige. Weil viele bewirtschafteten Flächen der Schweiz steil sind, würden sich diese nur für eine Grünlandnutzung und somit zur Produktion von tierischen Lebensmitteln eignen.

Keine Unterstützung der Exekutive

Auch der Bundesrat empfiehlt, die Ernährungsinitiative abzulehnen. Die Forderungen seien innerhalb der von der Initiative vorgegebenen Zeit nicht realistisch. Zudem werden die Themen der Initiative bereits ausreichend in der Weiterentwicklung der Agrarpolitik 2030 (AP30+) berücksichtigt.

Die Initiative hätte Auswirkungen auf die ganze Wertschöpfung in der Landwirtschaft und ziehe eine tiefgreifende Transformation der Produktions- und Betriebsstrukturen nach sich, was der Bundesrat nicht wolle. Beispielsweise müsste die Landwirtschaft Tierbestände um fast die Hälfte senken, wobei die Brotgetreideproduktion massiv gesteigert würde, liess Bundesrat Guy Parmelin vor den Medien im November 2024 verlauten.

Die Initiative beabsichtige, die Essgewohnheiten der Schweizer Bevölkerung staatlich angeordnet radikal umzustellen. Es sei wichtig, dass Konsumentinnen und Konsumenten frei entscheiden können. Der Gesetzgeber soll ambitionierte Ziele setzen und diese konsequent verfolgen – die Ziele der Initiative seien aber nicht mehr ambitioniert, sondern unrealistisch, verkündete Bundesrat Guy Parmelin.

Landwirtschaft ist wiederkehrendes Thema

Regelmässig kommen Initiativen rund um die Schweizer Landwirtschaft auf den Tisch, wie auch die Biodiversitätsinitiative 2024 oder die Volksinitiative «Für Ernährungssouveränität: Die Landwirtschaft betrifft uns alle» 2018, die beide abgelehnt wurden. Deutlich angenommen wurde 2017 der direkte Gegenentwurf zur Ernährungssicherheitsinitiative. Mittlerweile sind auch Organisationen wie Greenpeace, Vier Pfoten, Pro Natura, der Verein KlimaSeniorinnen Schweiz und die Junge Grüne als Unterstützerinnen und Unterstützer auf der Webseite der Ernährungsinitiative aufgelistet.

Bio Suisse hingegen sieht das Festschreiben eines Nettoselbstversorgungsgrads in der Bundesverfassung als nicht zweckmässig, obwohl der Verband die Zielrichtung der Initiative unterstützt. Franziska Herren war ebenfalls verantwortlich für die «Volksinitiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung», die das Stimmvolk im Jahr 2021 mit 60,7 Prozent Nein-Stimmen ablehnte. (LID)

Gentechnik und Saatgut

Ein wichtiges Thema im Zusammenhang mit der Lebensmittelindustrie ist die Gentechnik. Neue Züchtungsverfahren ermöglichen angepasste, widerstandsfähigere Sorten und somit höhere Ernteerträge. Umstritten ist jedoch der Einsatz solcher Verfahren. Das Auslaufen des Gentechmoratoriums Ende 2025 erzwingt die Frage nach der Regulierung neuer gentechnischer Methoden. Diese Forderung greift die Lebensmittelschutz-Initiative auf, deren Sammelfrist noch bis März 2026 läuft.

Als samenfestes Saatgut, auch sortenfestes Saatgut genannt, wird Saatgut bezeichnet, das aus Pflanzen gewonnen wird, deren Eigenschaften sich über mehrere Generationen hinweg stabil vererben. Im Gegensatz dazu weist das Saatgut von Hybridsorten in der nächsten Generation nicht zwangsläufig die gleichen Eigenschaften auf. Zwar liefern Hybridpflanzen hohe Ernteerträge, das Saatgut muss aber jedes Jahr frisch eingekauft werden. (LID)
(gb)

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