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Superfood-Beeren: wozu in die Ferne schweifen?

Exotische Superfood- bzw Powerbeeren sind geschmacklich spannend jedoch kostspielig und oft unökologisch. Die versprochenen Wirkungen sind meistens nicht fundert, und für eine gesunde Ernährung sind die Beeren nicht erforderlich. Dies ist auch mit heimischem Obst perfekt machbar.

Unter Superfood versteht man Nahrungsmittel, die aufgrund ihrer Nährstoffzusammensetzung besonders förderlich für Gesundheit und Wohlbefinden sein sollen. Häufig handelt es sich um exotische Pflanzen wie Moringa, Chiasamen, Açai- oder Gojibeeren, oft in getrockneter Form, als Püree oder Extrakt. Sie sollen nicht nur leistungsfähiger machen, den Alterungsprozess aufhalten und das Herz stärken – auch vor Krebs sollen diese Alleskönner schützen.

Tatsächlich gibt es experimentelle Studien, die den Nährstoffen von einigen Superfoods positive Eigenschaften bescheinigen. Viele Wissenschaftler sind dennoch kritisch. Denn die Studien wurden nur an Zellen oder Tieren durchgeführt und untersuchen meist nur einzelne Wirkstoffe, nicht aber das Lebensmittel als Ganzes. Dazu Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums DKFZ: „Einzelne Lebensmittel, die unter Superfoods laufen, wie etwa exotische Früchte, können zu einer abwechslungsreichen Ernährung beitragen. Dass sie aber vor Krankheiten wie Krebs schützen können, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.“

Auch einheimische Pflanzen haben einen hohen Nähr- und Wirkstoffgehalt und könnten daher als Superfood bezeichnet werden, zum Beispiel Grünkohl, Rote Bete und einheimische Beeren oder Karotten, Zwiebel und Äpfel – sie alle liefern gesundheitsfördernde Nährstoffe. Für ausreichend Ballaststoffe sorgen Vollkornprodukte und Leinsamen. Der Vorteil dieser Lebensmittel vor der Haustür: Sie sind oft kostengünstiger und ihre Herkunft ist nachvollziehbar.

Superfood-Produkte sind teuer und werden über das Internet vertrieben. Anstatt sich ernährungstechnisch auf eine Handvoll exotischer Lebensmittel zu verlassen, von denen behauptet wird, sie seien „super", ist es besser, auf die ganze Bandbreite des hiesigen Obst- und Gemüseangebots zu setzen. So das Fazit des Europäischen Informationszentrums für Lebensmittel EUFIC. Und aus ökologischer Sicht sind die meisten von ihnen höchst bedenklich: Lange Transportwege gehören – bis auf die Aronia – bei allen dazu. Nachfolgend Informationen und ernährungsphysiologische Bewertungen zu Açai, Acerola, Aronia, Goji, Maqui und Noni.

Açai-Beeren

Die dunkelvioletten bis schwarzen, gut ein Zentimeter grossen Açai-Früchte mit dem säuerlich-bitteren Geschmack und dem recht grossen, ungeniessbaren Kern sind in Brasilien beheimatet. Dort wachsen sie an Kohlpalmen (Euterpe oleracea) und werden frisch oder als Saft verzehrt. Damit sie den Transport in unsere Breiten überstehen, werden die Beeren gefriergetrocknet oder das Fruchtmark wird mit Wasser verdünnt zu Pulpe verarbeitet. Auch Fertigprodukte wie Joghurt, Schokolade oder Mischgetränke mit Açai sind im Handel.

Die beworbene Eigenschaft der Açai-Beeren sticht ins Auge: Der dunkle Pflanzenfarbstoff Anthocyan macht die Steinfrucht aus. Er kann antioxidativ wirken und die Körperzellen vor freien Radikalen schützen. Gleichzeitig enthalten die exotischen Beeren viele Vitamine und Mineralstoffe, allen voran Calcium, welche den Stoffwechsel ankurbeln sollen.

Dass Açai-Beeren jedoch Anti-Aging-Wundermittel oder Schlankmacher sind, das ist wissenschaftlich bislang weder erwiesen noch widerlegt. Hinzu kommt: Die Açai-Beere kann nichts, was heimische Früchte nicht auch könnten. Ihr Gehalt an Anthocyanen wird beispielsweise von Holunder, schwarzen Johannisbeeren oder Rotkohl deutlich überflügelt. Und die enthalten zudem noch deutlich weniger Kalorien.

Acerola-Beeren

In ihrer Heimat Mittel- und Südamerika wachsen die Acerola-Beeren an immergrünen Sträuchern. Die hell- bis dunkelroten Steinfrüchte erinnern an unsere heimischen Kirschen, sind jedoch mit ihnen nicht verwandt. Die sehr saftigen, leicht säuerlichen Beeren verderben innerhalb weniger Tage nach der Ernte. Sie werden deshalb vorrangig als Saft, aber auch in getrockneter Form oder als Pulver exportiert und gerne als Zusatz in Fruchtsaftmischungen eingesetzt. Darüber hinaus wird Acerola vor allem als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet.

Die Acerola-Beere war einer der Vorreiter im "Wunder-Beeren"-Boom. Sie zählt zu den Vitamin-C-reichsten Früchten überhaupt und wird daher als kraftvolles Stärkungsmittel für das Immunsystem und die körpereigenen Abwehrstoffe gehypt. Eigentlich muss aber niemand Acerola essen, um seinen täglichen Bedarf an Vitamin C zu decken. Dieses Vitamin ist in so vielen Nahrungsmitteln enthalten, dass ein Mangel selten vorkommt. Überschüssiges Vitamin C kann der Körper nicht speichern, es wird ungenutzt ausgeschieden. Acerola ist also nicht mehr und nicht weniger als eine Erweiterung des Speiseplans. Die geschmackliche Abwechslung hat allerdings ihren Preis: Denn die Acerola-Sträucher blühen selten und entwickeln entsprechend wenige Früchte.

Aronia-Beeren

Die dunkelblaue, innen rote Aronia-Beere stammt ursprünglich aus Nordamerika. Mittlerweile wird der mannshohe Apfelbeeren-Strauch zunehmend auch in Deutschland angebaut. Anders als die anderen "Powerbeeren" ist die Aronia-Frucht so zumindest in einigen hiesigen Regionen frisch erhältlich. Mit ihrem herb-bitteren Aroma wird sie gerne zu Konfitüre oder Brotaufstrich, Joghurt oder Desserts verarbeitet. Frisch oder getrocknet kommen die Beeren ins Müesli oder auch in Backwaren.

Die Aronia-Beere ist auch als schwarze Apfelbeere bekannt. Genau wie die Açai-Beere verdankt sie ihren Ruhm besonders den üppig enthaltenen sekundären Pflanzenstoffen Anthocyane. Zudem enthält sie viel Vitamin C und hat hohe Gehalte an Eisen, Folsäure und Jod. Dank dieser Nährstoff-Zusammensetzung soll die Aronia-Beere Krebserkrankungen vorbeugen, bei Leber- und Nierenleiden den Körper entgiften, Verdauungsbeschwerden lindern, den Blutdruck und den Cholesterinspiegel regulieren und sich günstig auf das Herz-Kreislauf- und Immunsystem auswirken.

Die Kerne der Aronia-Beeren enthalten geringe Mengen des Pflanzengiftes Amygdalin. Dieses kann bei der Zerzetzung im Körper Blausäure freisetzen. Diese Mengen sind jedoch so gering, dass der regelmässige Verzehr kleiner Portionen frischer Aroniabeeren unbedenklich ist. Zur Wirkweise dieser Beeren wird seit einigen Jahren umfangreich geforscht. Aus einzelnen Studien gibt es - noch völlig unzureichende - Hinweise auf gesundheitsfördernde Effekte.

Goji-Beeren

Die leuchtend rote, eiförmige, kleine Goji-Beere ist die Frucht des asiatischen Bocksdornstrauches. Er wird vor allem in China in grossem Stil angebaut. Die süss-sauren Beeren kommen getrocknet, als Pulver oder Saft, in Kapseln und Tabletten, sowie in weiterverarbeiteten Produkten wie Müesli, Gelee oder Joghurt in den Handel. Frische Beeren sind hierzulande im Handel kaum zu bekommen. Da Bocksdornsträucher im Garten gut gedeihen, kann man sie selbst kultivieren.

Reichlich Vitamine A, C und E, Proteine, dazu viel Eisen, Calcium und Magnesium, und ausserdem Ballaststoffe und Antioxidantien – die Goji-Beere strotzt nur so an wertvollen Inhaltsstoffen. Entsprechend werden ihr Allround-Talente zugeschrieben. Sie soll die Abwehrkräfte stärken, Zellverfall und Gewebeschäden vorbeugen, die Verdauung und das Gedächtnis fördern, das Nervensystem, die Knochenentwicklung, die Blutbildung und das Muskelwachstum unterstützen.

All diese gesundheitsförderlichen Effekte sind jedoch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt, so das National Institute of Health in Bethesda (USA). Es gibt sogar einige Gründe, die Beeren mit Vorsicht zu geniessen: In zahlreichen Goji-Produkte wurden u.a. durch die Lebensmittelüberwachungsbehörde Stuttgart Rückstände von Pestiziden gefunden, welche die gesetzlichen Höchstmengen überschritten. Zudem warnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vor Wechselwirkungen mit gerinnungshemmenden Medikamenten.

Maqui-Beeren

Die Maqui-Beere ist auch als Chilenische Weinbeere bekannt. Sie ist die Frucht des bis zu vier Meter hohen Maqui-Baumes. Das Ölfruchtgewächs ist in den gemässigt-tropischen Regenwäldern im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet weit verbreitet. Die heidelbeer-ähnlichen, tief violetten kleinen Beeren sind roh essbar, lassen sich jedoch schlecht lagern. Die Mapuche-Indianer verarbeiten sie seit Jahrhunderten zu Getränken. Nach Europa werden Maqui-Beeren zumeist als Saft oder als Pulver exportiert und vorrangig zu Nahrungsergänzungsmitteln weiterverarbeitet.

Die Maqui-Beere ist ein Newcomer unter den "Wunderfrüchten". Daher ist das Wissen über sie besonders lückenhaft. Hersteller und Händler von Maqui-Produkten versprechen vor allem die Stärkung des Immunsystems, eine starke Entgiftungsfunktion und schlank machende Wirkung. Dieses Potential sollen die Beeren ihrem ausserordentlich hohen Anteil an Anthocyanen verdanken. Diese sekundären Pflanzenstoffe sollen in der Lage sein, im Körper freie Radikale zu neutralisieren.

Auf vielen Verpackungen wird mit dem hohen ORAC (Oxygen radical absorbance capacity)-Wert gelockt. Er gibt an, wie viele freie Radikale pro Gramm Maqui-Beeren unschädlich gemacht werden können. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen weist nachdrücklich darauf hin, dass dieser Wert experimentell in Labortests ermittelt wurde. Ob und in wie weit die Ergebnisse auf den menschlichen Körper übertragbar sind, ist unklar.

Noni-Früchte

Die Noni-Frucht – auch Indische Maulbeere genannt – wächst an Maulbeersträuchern und -bäumen auf den polynesischen Inseln, auf Hawaii und an den Küsten von Mittelamerika und Madagaskar. Mehrere Früchte bilden dabei zusammen einen eigrossen, grünen, zapfenförmigen Verband. Aus den Steinfrüchten wird vor allem Saft hergestellt. Er wird gerne mit anderen Säften gemischt, weil der Geschmack der Noni-Frucht als streng, manchmal sogar unangenehm faulig empfunden wird. Auch getrocknete Blätter zur Teezubereitung, Noni-Püree, Saft-Trockenextrakt und Pulver sind als Novel Food zugelassen.

Produkte aus Noni-Früchten werden damit beworben, dass sie Heisshunger dämpfen können, Schmerzen stillen und vor Falten schützen. Auch bei Allergien, Schlaganfällen und Krebs sollen sie helfen können. Für die gesundheitsfördernden Wirkungen sollen bestimmte Inhaltsstoffe verantwortlich sein: die für den Menschen essentiellen Aminosäuren, Enzyme, das Hormon Serotonin, die sekundären Pflanzenstoffe Terpene und Flavonoide, sowie der in der medizinischen und pharmazeutischen Literatur völlig unbekannte Stoff Xeronin.

Das wissenschaftliche Gremium der EU hat im Rahmen der Zulassung von Noni-Saft als Lebensmittel festgehalten, dass die Angaben und Informationen über Noni keinerlei Beweise für eine besondere gesundheitsfördernde Wirkung liefern, die über diejenige von anderen Fruchtsäften hinausgehen. Mehrfach diskutiert und untersucht wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Genuss von Noni-Saft und Leberschädigungen. Aber in den empfohlenen Mengen hält das EU-Gremium genau wie das Bundesamt für Risikobewertung BfR das Getränk für unbedenklich. (BZfE, DKFZ)
(gb)

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